Im Gespräch mit ... SEA.AI
SEA.AI, mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik, entwickelt KI-basierte Systeme mit Farb- und Thermalkameras, die auf See schwimmende Objekte wie Menschen, Wale, Container oder Bojen erkennen und die Besatzung vor Gefahren warnen. Ziel ist es, Leben auf See zu schützen und Kollisionen, etwa mit Walen, zu verhindern. Die Firmenphilosophie ist es, mit innovativer Technologie menschliches und tierisches Leben auf dem Wasser zu bewahren. Das Unternehmen versteht sich als globaler Player mit Hauptsitz in Linz und beschäftigt international über 70 Mitarbeitende, davon rund 30 in der Landeshauptstadt.
Die Abteilung Wirtschaft und Innovation der Stadt Linz (Patrick Kastl) traf Philipp Stampfl, den Global Head of Product des Unternehmens, für einen Austausch.
Patrick Kastl: „Hallo Philipp, schön, dass wir heute bei euch in der Tabakfabrik sein dürfen. Das Ziel unseres Gesprächs ist es ja, Erfolgsgeschichten aus Linz zu erzählen und Projekte zu beleuchten, die im Alltag oft nicht im Fokus stehen. Erklär uns doch mal was SEA.AI macht und für was ihr steht!“
Philipp Stampfl: „Die Firma hat sich zur Mission gemacht, Leben auf See zu schützen, und nutzt dafür künstliche Intelligenz. Mittels Farb- und Thermalkameras - letztere für die Nachtsicht - erkennt das System alle Objekte, die am Wasser schwimmen – seien es Menschen, Wale, Container, andere Schiffe, Baumstämme oder Fischerbojen. Die KI unterstützt dabei die Arbeit eines Captains oder Operators und warnt die Besatzung vor gefährlichen Objekten in Fahrtrichtung. Die Idee kam aus einem realen Problem, der Gründer, ein gebürtiger Franzose und Techniker, segelte mit seinem Vater über den Atlantik und ärgerte sich darüber, dass er nachts nicht sehen konnte, was vor ihm lag. Er entschied sich nach langen Experimenten dieses Problem mit Thermalkameras und künstlicher Intelligenz zu lösen – ähnlich wie Automobilhersteller mit Kameras und KI arbeiten, um die Umgebung zu erfassen.“
Weltweite Präsenz trotz Binnenland
Kastl: „Wenn man an eure Firma denkt und sich euer Produktportfolio ansieht, kommt unweigerlich die Frage auf: Wo verkauft ihr die Geräte hin, wir haben ja leider keinen Meerzugang in Österreich?“
Stampfl: „SEA.AI ist ein rein exportorientiertes Unternehmen. Zwar gibt es einige österreichische Kunden, diese haben ihre Boote jedoch am Meer. Das Unternehmen exportiert weltweit – nach Europa, Amerika und Asien – und verfügt über Niederlassungen in Miami, Australien, Griechenland, Italien und Frankreich. International beschäftigen wir über 70 Mitarbeiter*innen aus etwa 20 verschiedenen Ländern. Das Unternehmen sieht sich auch nicht nur als Linzer oder österreichische Firma, sondern als globales Unternehmen.“
Sicherheit auf See und Walschutz
Kastl: „Das hört sich hochspannend an und bringt bestimmt auch einige großartige Anwendungsbereiche mit sich. Kannst du uns erzählen, wo eure Produkte auf See Anwendung finden und welchen Impact sie bewirken?“
Stampfl: „Leider kommt es auf See immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Booten, bei denen Menschen sterben, oder zu Schwierigkeiten bei der Seenotrettung, wenn jemand über Bord gegangen ist. SEA.AI bietet hier eine Lösung und sieht sich im internationalen Vergleich als Weltmarktführer in diesem Bereich. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Walschutz. Große Tanker und kleinere Boote erwischen mit ihren Schiffsschrauben diese Tiere oft lebensbedrohlich. Mit der Technologie von SEA.AI können solche Kollisionen vermieden werden. Das Unternehmen arbeitet dazu mit Universitäten in Spanien und der Irish Whale and Dolphin Group zusammen, um Daten zu sammeln und die KI zu trainieren – nicht nur zum Schutz menschlichen, sondern auch tierischen Lebens.“
Standort Linz: Zufall, Chancen und Netzwerk
Kastl: „Ihr seid in diesem Bereich wohl ein absoluter Nischen-Champion, überraschend das es so eine Innovative maritime Technologie in Linz entwickelt wird. Weshalb seit ihr hier ansässig, was schätzt SEA.AI am Standort Linz?“
Stampfl: „Lustigerweise war das eher Zufall, denn der französische Gründer lebte zu der Zeit in Linz. Besonders spannend für uns war der Linz interne Umzug von Kleinmünchen in die Tabakfabrik vor zweieinhalb Jahren, dieser markierte nämlich ein ganz neues Kapitel in der Größe und im Wachstum der Firma. Ich würde schon sagen, dass die Tabakfabrik ein einzigartiger Standort ist, der neben top Büroräumlichkeiten auch Vernetzungen und eine Art „Aufbruchsstimmung“ mit sich bringt. Natürlich sind die Region Linz und Oberösterreich aber auch daher vorteilhaft, da es viele Zulieferfirmen und vertrauensvolle Partner gibt, die in der Produktentwicklung, Produktion und der Supply Chain helfen.“
Zukunftsperspektiven
Kastl: „Was würdet ihr euch für die Zukunft des Standorts wünschen?“
Stampfl (augenzwinkernd): „Ein direkter Zugang zum Meer wäre schön. Jedoch wäre der Standort am Meer, würde ich wohl mehr Zeit am Segelboot verbringen und weniger im Büro.“
Kastl: „Das kann ich nachvollziehen, aber ich habe eher in Standortfaktoren gedacht die weniger schwer zu realisieren sind…“
Stampfl: „SEA.AI ist eine internationale Firma mit Kolleg*innen aus etwa 20 verschiedenen Ländern. Leute nach Linz zu bekommen, ist teilweise schwierig. Linz hat seine Wurzeln als Industriestadt, muss sich aber immer wieder neu erfinden. Es passiert bereits viel mit anderen Firmen und Universitäten im Bereich der KI und der Standort ist gut, doch man muss neben Business und Technologie müsse auch Lebensqualität bieten. Hier ist Linz bei Weitem nicht schlecht, kann sich aber auch bestimmt noch steigern. Entscheidend ist es auch, nicht immer rein lokal, sondern international und europäisch zu denken. Ein reines Städte- oder Grenzendenken funktioniert nur bedingt und ist auch nicht in allen Aspekten nötig. SEA.AI ist ein gutes Beispiel dafür, wie europäische und internationale Zusammenarbeit gut funktionieren kann.“
Kastl: „Vielen Dank für das Interview. Weiterhin viel Erfolg mit eurem innovativen Produkt. Ich werde in Zukunft auf Schiffen und Booten nach euren Geräten Ausschau halten und mir denken „Cool, dass das aus Linz stammt!“.“
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